Samstag, 22. Oktober 2011

Serie Teil 1: Der Minijob-Sumpf und seine lauernden Gefahren

Seit dem Desaster in der Finanzkrise ist es schwer, im Journalismus Geld zu verdienen. Seit 2009 melde ich mich auf Stellenanzeigen für Minijobs oder Nebenjobs. Dies ist der erste Teil eines Erfahrungsberichtes über die Fallen im Minijob-Sumpf. Und gleichzeitig eine unfreiwillige Recherche in Sachen Ausbeutung.


Der Messe-Job
 
Ich meldete mich am ... Oktober auf eine Anzeige im ...
vom ... Oktober per SMS. In der Anzeige stand folgender Text: 500,- Euro in
bar Job Messetätigkeit. in ... vom 22.-30.10.11. Bewerbung/Info per SMS
Tel. ..... Mein Text lautete: Hallo, habe Messeerfahrung, ein ansprechendes
Äußeres und spreche Schweizerdeutsch. Kann auch als Selbständige eine Rechnung
stellen. Mit freundlichen Grüßen,...

Am ... Oktober rief mich um 13.08 einen Herr XY an von einem Anschluss
mit der Nummer ...... Er würde angeblich von einem PC aus anrufen.
Es ginge bei der Messe um den Verkauf von Farbstiften für Kinder. Zur Messe käme ich mit eigenem Fahrzeug, wobei 50% der Fahrtkosten ersetzt würden oder er würde mir einen Renault leihen und wenn ich beim Aufbau helfe, dann müsse ich nichts draufzahlen. Fahrtzeit ca. 1,5-2 Stunden.
Übernachtungszuschuss 35 Euro.

Er bat um ein Treffen am selben Tag bei McDonalds in ...Er habe zwar
ein Büro in der ...Straße, aber er habe eine neue Küche bestellt usw. Als ich dort mit dem
Fahrrad ankam, stand ein weißer Transporter direkt neben dem Eingang. Ein Mann saß darin. Ich vermutete den besagten Mann dahinter. Ich ging hinein. Er auch. Er suchte sich die Ecke aus, wo auch die Kinder spielen können. Er hatte die Statur eines Bodybuilders oder Türstehers, trug ein helles blaues Shirt,hat blaue Augen, mittelblondes Haar, hessischer Akzent und auf dem rechten Oberarm einen tättowierten Anker. Er holte etwas zu essen und wollte dann, dass ich mit den Malsets und den Zaubermalstiften
male und instruierte mich wie bei einer Gehirnwäsche, was ich stereotyp vor mich hinsagen musste. Dazu legte er mir auch eine schriftliche Anleitung hin.

Ich sollte mitten im McDonalds üben und vor mich hinreden und malen, wie beim Verkauf.

Dann sprachen uns zwei Männer an, die er zu kennen schien. Mir kam das abgekartet vor.

Dann zeigte er mir eine Nachricht eines italienischen Herstellers der Zauberstifte. Und er rief einen Herrn ..... an von der Firma .... Der würde zu einem Vortrag fahren am anderen Tag und ich solle dahin.  Er würde ja so gerne, aber er müsse zur Messe. Es ginge um Telekommunikation. Als ich fragte, was das sei, meinte er es ginge um die Vermittlung von Kunden. Er malte Kreise und Striche auf ein Papier. Ich fragte, ob das ein Schneeballsystem sei. Er verneinte. Ich musste mit Herrn ... sprechen. Ich habe mich hinreißen lassen, ihm zu sagen, dass ich am anderen Tag mitfahren würde.
Nach geschlagenen drei Stunden war diese Malübung beendet. Dann packte Herr XY Malstifte  in eine Tüte und gab mir die Aufforderung, dass ich am Abend üben soll, damit es am Wochenende weniger Probleme gäbe.

Zuhause sagte ich per SMS den Termin mit diesem mir total unbekannten Herrn ... ab. Ich wusste ja nicht, worum es genau ging, geschweige denn, wo der mich hinbringt.

SMS von Herrn XY vom 20. Oktober
Schade, ich wäre so gern hin. Wollen und können Sie mir beim Aufbau helfen? Ist immer eine Erleichterung, wenn man zu zweit ist. Klar, mit Bezahlung. Gruß, XY

Im Gespräch bei McDonalds hatte mir Herr XY gesagt, dass das nichts für ihn sei. Diese Telekommunikationssache.

Und mir dämmerte, dass ich nichts in der Hand hatte. Keinen Vertrag für die Messetätigkeit, keine genaue Zusage des Honorars, es war nicht abgesprochen, wann man sich wie trifft. Nichts.
Am 21. Oktober rief Herr XY um 9.51 Uhr an.

Am 21. Oktober rief Herr XY um 18.29 Uhr an.

Am 21. Oktober schrieb mir Herr XY eine SMS, die mich entsetzte:

Hallo Frau .... würde sie morgen gegen 8 Uhr bei Ihnen abholen. Ist das ok? Gruß,XY

Er wusste von mir nur meinen Vor- und Zunamen, nicht aber meine Adresse ! Als er mir sein Smartphone zeigte, stand da mein Name mit akademischen Titel. Auch den konnte er nicht von mir kennen.

Ich schrieb ihm zurück:

Tut mir Leid, ohne Vertrag geht das nicht. Woher haben Sie meine Adresse? Ich sehe von einer Zusammenarbeit ab.

Er antwortete mit einem Anruf um 18.31 Uhr.

Danach kam folgendes SMS:

UPS? Frau ...??? Das kann ich jetzt nicht Glauben! Sie bringen ich in ernsthafte Schwierigkeiten!!! Ihre Adresse habe ich von der Zeitung, hatte mir sorgen gemacht, das ihnen etwas passiert ist! Ich bin mehr als entäuscht von Ihnen. Als Frau und Person! Was man sät das erntet man! So geht das nicht, sie haben mich also vorsätzlich betrogen!

Ich wählte die 110. Weiter trudelten SMS-Meldungen von Herrn XY ein. Ich erzählte der Polizei unter dem Notruf und dann auch dem Herrn von der Zentrale alles. Er empfahl mir eine Anzeige und dass ich das Handy ausschalte. Und falls der Mann morgens vor dem Haus stünde, solle ich die 110 wählen.

Weitere SMS von Herrn XY im Anschluss:

Ich habe übrigens mit meinem iPhone ein nettes Foto von ihnen gemacht wie sie im McDonald für die Messe üben, wollte ich ihnen eh ausdrücken, da können sie mich nicht auch noch belügen, ich möchte den Schaden von Ihnen ersetzt bekommen, mindestens die malsets! Einer Person wie ihnen Schenke ich nichts, das war Arbeitsmittel für die Messe!!!

Dieser Teil war für mich der größte Schock. Er hatte also mein Persönlichkeitsrecht verletzt und mich hinterlistig fotografiert. Was der Mann mit dem oder den Fotos macht, weiß ich nicht.

Frau ..., entweder wir reden vernünftig, oder ich gebe Nachrichten, SMS und Fotos meinem Anwalt, der sich bei ihnen meldet.
Sie sind echt eine sehr arme Frau.

SMS vom ... Oktober um 7.35 Uhr:

So Frau ... vergessen sie alles was ich geschrieben habe, ich vergebe ihnen, die Stifte Schenke ich ihnen, und freue mich das sie und ich Spaß beim lernen hatten. Mit freundlichen Grüßen, XY


Während der Malsache bei McDonalds rief übrigens angeblich ein Interessent für den Job aus .... an. Nur verwunderte mich, dass XY meinte, er solle ihm eine Mail senden. In der Anzeige stand keine Mailadresse !


Nachtrag: Durch Zufall erzählte mir eine Dame, dass sie auf einer Messe gewesen sei, wo ihre Freundin einen Stand gehabt hätte - direkt neben einer jungen Frau mit Stiften und Schablonen. Diese junge Frau habe gesagt, dass das Wochenende gut gewesen sei und dass sie hoffe, dass unter der Woche nicht nur Rentner kämen. Doch nach 3-4 Tagen sei der Stand kurzfristig unbesetzt gewesen und diese Frau "verschwunden."

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